Zum Inhalt springen

Rückblick

10.05.2019

Auf Schatzsuche mit Wunibald Müller

Ohne unseren Schatten werden wir konturlos, wenn wir ihn aber ansehen und annehmen, werden wir Gold finden. Der bekannte Psychotherapeut Wunibald Müller überraschte mit diesen Gedanken wohl viele, die zu seinem Vortrag zum Thema “Das Gold im Dunkel der Seele finden“ in den Eck-Saal-des Canisiuskonviktes in Ingolstadt gekommen waren.

Wunibald Müller: selbstbewusst auftreten, wenn es nötig ist (Bild: Raymund Fobes)

Wunibald Müller sprach vor einem interessierten Publikum, regte aber auch eine Diskussion an. (Bild: © Raymund Fobes)

Als Dankeschön gab es eine Packung Tee von Dekanatsreferent Rudi Schmidt (links) (Bild: © Raymund Fobes)

 

Ja, so machte er deutlich, auch Gefühle von Hass und Neid, dürfen nicht verdrängt werden, und Menschen oder Institutionen – auch die Kirche – die zu Idealisierungen neigen, schleppen oft einen besonders großen Schatten mit sich und verdrängen diesen gern.  „Je lichtreicher“, so der Therapeut „jemand erscheint, umso größer ist oft sein Schatten“. Solche Schatten entstehen oftmals durch Anpassungen in der Welt, die uns zwingen, eine Maske (persona) aufzusetzen. Leben kann dann gelingen und Wachstum wird dann möglich, wenn Schatten und „Persona“ zusammenkommen, die Schatten integriert sind in der Persönlichkeit. Menschen, denen das gelingt, sind transparent und authentisch. Integration des Schattens bedeutet aber nicht, keinerlei Selbstkritik mehr zu üben und alles, was man will – wie gut oder schlecht es nun ist – einfach auszuleben. Müller zeigte es an zwei Beispielen: Bei der therapeutischen Begleitung einer verheirateten Frau nach einem Seitensprung riet er ihr, sich der Frage zu stellen: „Welche Bedeutung hat dieser Seitensprung für mich – was bedeutet es für mich, dass ich so leidenschaftlich bin?“ Es ist auch das Eingeständnis, nicht perfekt zu sein, nicht besser als die anderen, über die man sich ja gern erhebt. Vielmehr geht es darum, zu seiner Persönlichkeit zu stehen, dabei aber auch im Urteil möglichst frei zu werden von anderen Instanzen. Diese Haltung ist Grundvoraussetzung zu einem selbstbestimmten Verhalten – und in diesem Sinn zitierte Müller C. G. Jung, der sagte: „Ich möchte lieber ganz sein als gut.“

Dann berichtete Wunibald Müller auch von einer eigenen Erfahrung. Von seinem Naturell her sei er sehr jähzornig, doch das sei ihm in der Erziehung abgewöhnt worden. Er habe gelernt, brav zu sein. Aber dadurch ging die Fähigkeit verloren, eigene berechtigte Interessen auch einmal durchzusetzen. Dies hat der Referent aber wiedergewonnen und zeigte auch beispielhaft, wie man energisch und doch fair seinen Standpunkt vertreten kann – und machte so Mut zur Bereitschaft zur Gegenrede.

Um an unbewusste und verdrängte Anteile der Persönlichkeit – das ist ein riesiges Reservoir von 90 Prozent -  zu gelangen, empfahl Wunibald Müller auch die Traumarbeit. Es sei gut, offen für die eigenen Träume zu sein und dadurch auch fähig zu werden, sich morgens an das Geträumte zu erinnern – wobei man die Geduld nicht verlieren solle. Hilfreich sei es sodann, ein Traumtagebuch zu führen und morgens das in der Nacht Geträumte darin aufzuzeichnen. Und was die Interpretation angeht, meinte Müller: „Sie sind der beste Interpret Ihrer Träume“.

Eine weitere ganz konkrete Empfehlung des Rederenten  war, die oft verdrängte Eros-kraft wieder neu zu entdecken, die richtige Lust am Leben. Denn, davon ist Wunibald Müller überzeugt, „das Leben gelingt, wenn wir es lieben.“ Beispielhaft für eine solche Liebe zum Leben seien die heilige Teresa von Avila und die von Nikos Kazantzakis geschaffene Figur des „Alexis Sorbas“ gewesen, der so leidenschaftlich Sirtaki tanzen konnte. Und so gab es am Ende des Vortrags auch den Sorbas-Sirtaki aus dem gleichnamigen Film mit Anthony Quinn zu hören, und einige ließen sich sogar anstecken, gemeinsam mit Wunibald Müller mitzutanzen.

Text und Bilder: Raymund Fobes