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Rückblick

28.02.2018

Desolate Zustände und eine falsche Entwicklungspolitik – Dr. Kundri Böhmer-Bauer sprach über Migration aus Eritrea und Nigeria

Von den Flüchtlingen, von denen auch in Ingolstadt viele leben, stammt eine große Zahl aus Eritrea und Nigeria. Über die Situation in diesen Ländern, aber auch über Fehler in der Politik sprach die Ethnologin Dr. Kundri Böhmer-Bauer in der Stadtbücherei Ingolstadt.

Kundri Böhmer-Bauer: Eigenverantwortung der "Entwicklungsländer" stärken. (Bild: Raymund Fobes)

Die Vielzahl der Zuhörer (trotz winterlicher Temperaturen) zeigte das große Interesse vieler Ingolstädter an der Flüchtlingsthematik (Bild: Raymund Fobes).

So gibt es in Eritrea den Zwang, einen unmenschlichen Militärdienst abzuleisten mit drakonischen Strafen für Fahnenflüchtige. Andererseits profitiert die Regierung unter Präsident Isayas Afewerki von den Flüchtlingen. Immerhin müssen sie eine Auslandssteuer von rund zwei Prozent abführen. Wenn jemand sie nicht bezahlt, drohen ihm empfindliche Sanktionen:  So darf er im Heimatland keine Erbschaften annehmen, zudem drohen Repressalien für die in Eritrea zurück gebliebenen Verwandten. Darüber hinaus kann Afewerki sich auch freuen, dass unter den Flüchtlingen  Widerständler sind, die, wären sie im Land geblieben, seine Macht hätten womöglich destabilisieren können. Und die Regierung  nimmt nicht nur durch die Steuer Geld ein, sie spart auch weiteres ein, weil die Flüchtlinge oft ihre Verwandten finanziell unterstützen, sodass diese dann nicht so sehr dem Staat auf der Tasche liegen.

Kritisch bemerkte Böhmer-Bauer, dass Europa im Jahr 2009 122 Millionen Euro an Eritrea gespendet hat, davon 34 Millionen für Straßenbau, wo Zwangsarbeiter schuften müssen.  Es sei mehr als bedenklich, dass man beim Transfer von Geldern nach Eritrea keinerlei Rechenschaft von dem Land gefordert habe, wie diese Gelder verwendet würden. Grundsätzlich, so Böhmer-Bauer, würden immer wieder große Summen der Entwicklungshilfe korrupten Regimes  zugutekommen.

Kritisch sah die Ethnologin auch den sogenannten „Khartoum-Prozess“. Am 28. November 2014  verabschiedeten in Rom die Außen- und Innenminister der EU die sogenannte „Khartoum Erklärung“. Ziel war es, irreguläre Migration aus verschiedenen Herkunftsländern in Afrika zu bekämpfen – darunter  Äthiopien, Sudan, Eritrea und Somalia. Jedoch würden durch den „Khartoum-Prozess“, so Böhmer-Bauer, nur Flüchtlinge abgehalten, zu fliehen, der Flüchtlingsprozess indessen würde nicht aufgehalten. Dies liege daran, dass es den Machthabern zu gut geht, als dass sie bereit wären, etwas an ihrer Politik zu ändern. Man sei ja ganz glücklich darüber, dass das Bildungsniveau in den Ländern so niedrig sei, denn wären die Menschen vor Ort gut ausgebildet, so gefährde dies den Machterhalt.

Nigeria, das zweite Land über das Böhmer-Bauer sprach,  scheint zu boomen: Das Land hat eine florierende Wirtschaft. Präsident Muhammadu Buhari bemüht sich, gegen Korruption und Terrorismus vorzugehen. Die Mittel- und Oberschicht wächst. In der Filmproduktion steht das Land mit „Nollywood“ ganz oben bald hinter der führenden Nation Indien und weit vor dem „Hollywood“ in den USA. Gleichzeitig aber ist Nigeria eines der instabilsten Länder der Welt mit hoher Arbeitslosenquote. Rund 94 Prozent der Flüchtlinge aus Nigeria gelten als Wirtschaftsflüchtlinge, mithin werden ihre Anträge abgelehnt.

Allerdings führt gerade die Armut im Land zu einer hohen Kriminalität. So schließen sich der im Norden agierenden islamistischen Terrororganisation „Boko Haram“ Jugendliche nicht aus ideologischen Gründen an, sondern weil sie keine Perspektiven sehen. Böhmer-Bauer ist überzeugt: Wird das Problem der Armut bewältigt, so wird auch die Kriminalität deutlich abnehmen. Auch religiöse Konflikte würden deutlich schwächer werden, wenn die wirtschaftliche Lage sich verbessert.

Ein weiteres großes Problem im Land ist die Umweltverschmutzung – gerade bei der Ölförderung im Nildelta. Darüber hinaus produziert Nigeria große Mengen an Elektroschrott.  Bedroht sind zudem die Fischbestände durch Trawlerschiffe aus Industrieländern, die die Gewässer leerfischen, sodass den Einheimischen kaum etwas für den Eigenbedarf bleibt.  Durch illegalen Sandabbau an den Stränden drohen, verstärkt durch häufige Niederschläge aufgrund des  Klimawandels, gefährliche Überschwemmungen.

Desolate Zustände und falsche Entwicklungspolitik – was könnte Abhilfe leisten? Kundri  Böhmer-Bauer setzt darauf, dass die „Entwicklungsländer“ mehr Eigenverantwortung bekommen, und dass ihren Eigenarten Rechnung getragen wird. Verhandeln mit Afrika auf Augenhöhe ist angesagt – doch das sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Raymund Fobes