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Rückblick

23.10.2019

Der wahre Tatortermittler – Ehemaliger Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling bei der KEB

Nein, sie haben mit der Realität kaum etwas zu tun, die Tatort- und SOKO-Ermittler aus dem Fernsehen. Vor allem, dass sie privat in permanent problembeladenen Beziehungskisten leben und trotzdem die Täter erfolgreich zur Strecke bringen, ist unrealistisch. Denn Kriminalisten können nur dann wirklich effizient arbeiten, wenn sie nicht anderweitig im Privatleben belastet sind.

Vorstellung des Referenten durch KEB-Geschäftsführer Rudi Schmidt (li.) (Foto: © Raymund Fobes)

Josef Wilfling: Die Aufklärungsmethoden werden immer besser, und das schreckt potentielle Mörder ab. (Foto: © Raymund Fobes)

Der Veranstaltungsraum in der Stadtbücherei war bis auf den Platz besetzt. (Foto: © Raymund Fobes)

v. li.: Mordermittler Josef Wilfling, die Leiterin der Stadtbücherei Heike Marx, KEB-Geschäftsführer Rudi Schmidt (Foto: © Raymund Fobes)

Josef Wilfling räumte mit einigen Klischees auf, als er im vollbesetzten Veranstaltungsraum der Ingolstädter Stadtbücherei über seine Arbeit als ehemaliger Chefermittler der Münchner Kripo sprach. Und was er da erzählte, das konnte es mit jedem Krimi-Drehbuch aufnehmen, nur war es  harte blutige Realität. Doch, so konnte Wilfling die Besucher beruhigen, die Mordrate in Deutschland nimmt stetig ab. Grund dafür sind die immer besseren kriminalistischen Methoden, denn die führen zu besseren Aufklärungsergebnissen, und das schreckt potentielle Verbrecher ab.

Bahnbrechend war seinerzeit  die Computererfassung der Fingerabdrücke, wodurch Wilfling 1993 den Serienmörder Horst David für einen 1975 geschehenen Mord überführen konnten. Wesentlich zur besseren Aufklärung trug später dann auch die Feststellung der DNA bei.

Die meisten Mörder, so Wilfling, seien Ehemänner, die im Lauf der Ehe feststellten, dass die Frau dann doch nicht die große Liebe war und sie dann, beispielsweise um eine neue Beziehung einzugehen, zur Strecke brachten, weil  sie nicht die negativen Seiten einer Scheidung (finanzielle Einbußen oder ein verlorener Sorgerechtsstreit) tragen wollen. Oft sind solche Tötungsdelikte lange geplant und sie dienen wesentlich der Befriedigung eigener Bedürfnisse – weshalb man hier von Mord reden muss. Affekttaten sind meist als Totschlag zu definieren.

Ein Kriterium für Mord ist auch die Heimtücke, doch sie zu bestimmen, ist etwas heikel. Oft gelten Tötungsdelikte von Frauen als heimtückisch, weil sie den Ehemann, der sie lange peinigte, im Schlaf oder von hinten umgebracht haben. Doch eine direkte Affekttat von Angesicht zu Angesicht hätten Frauen oft gar nicht ausführen können, weil sie Männern – zumal gewalttätigen – meist körperlich unterlegen sind. Hier sei deshalb eine Gesetzesnovellierung in Aussicht, erklärte Wilfling.

In seinem Vortrag kam der ehemalige Chefermittler auch auf die beiden wohl prominentesten Opfer zu sprechen, deren Morde er aufgeklärt hatte: Volksschauspieler Walter Sedlmayr und Modezar Rudolph Mooshammer. Beide wurden Opfer von Strichern aus der Münchner Homosexuellenszene. Sedlmayr lebte und starb noch in einer Zeit, als es nicht möglich war, sich als Homosexueller  zu outen. So suchte er in seiner Not wie auch andere den Kontakt zu Stricherszene, wo Callboys verkehrten, die an sich gar nicht homosexuell empfanden, sondern denen es nur ums Geld ging. So war der Kontakt in diese Szene sehr gefährlich und wurde Sedlmayr zum Verhängnis. Als Mooshammer umkam, war Homosexualität kein Tabuthema mehr, doch der Münchner Modezar habe trotzdem den Kontakt zur Stricherszene gesucht. „Das war im Grunde Selbstmord“, sagte Wilfling, denn Mooshammer hatte alle Warnungen ausgeschlagen, das brandgefährliche Terrain zu meiden.

Die meisten Fälle konnte Josef Wilfling lösen, und er sprach auch großes Lob für die Arbeit der Polizei in Bayern aus. Gut sei sie aufgestellt, und wohl darum ist auch die Verbrecherrate im Freistaat so gering. Sorgen bereitet dem ehemaligen Chefermittler jedoch, dass die Überführung von Tätern wohl auf Zukunft hin immer schwieriger wird, weil der Gesetzgeber Tatverdächtigen bei der Vernehmung immer mehr Rechte bis hin zum ungestraften Lügen auch der Zeugen zusprechen will.

Text und Bilder: © Raymund Fobes