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Rückblick

09.11.2017

Den Tod ständig vor Augen – Ehemaliger KZ-Häftling Abba Naor sprach bei der KEB

Abba Naor ist als Jugendlicher durch die Hölle gegangen. Der junge Spross einer jüdischen Familie lebte in Kaunas in Litauen, als dort die Deutschen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs einmarschierten. Und Karl Jäger, der Kommandeur von Kaunas verfolgte akribisch das Ziel, die Stadt judenfrei zu machen.

Abba Naors Vortrag löste viel Betroffenheit aus. (Bild: Raymund Fobes)

Abbo Naor, ein Zeuge gegen das Vergessen und gegen die Kollektivschuld (Bild: Raymund Fobes)

Jetzt ist Abba Naor 89 Jahre alt und erzählt den Menschen von heute von seinem Schicksal. Auch in Ingolstadt, wo er in die Stadtbücherei auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung, dem Evangelischen Forum Ingolstadt (ef), dem Gesprächskreis Christentum-Judentum in  Eichstätt und der Stadtbücherei Ingolstadt gekommen war.

Mit deutscher Gründlichkeit wurde das Schicksal auch der litauischen Juden besiegelt, wie Naor zeigt. In Litauen gab es die ersten Massentötungen von Juden während der Nazizeit. Das war im Jahr 1941. Naor erinnerte sich daran, wie man die Juden zu Gruben hintrieb und sie dann erschoss. Kleine Kinder habe man nicht erschossen, sondern gleich lebendig begraben. Zuerst wurde Kaunas zum Ghetto, das man nicht verlassen durfte. Und dann entstand hier ein KZ.

Später wurde das Lager aufgelöst und Abba Naor kam nach Stutthof bei Danzig, wo seine Familie getrennt wurde. Die Mutter starb – wenige Tage nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. „Wäre das Attentat gelungen, hätte meine Mutter überlebt“, sagt Naor. Auch sein kleiner Bruder wurde von den Nazis umgebracht.

Dann führte sein Leidensweg ihn nach Bayern, ins Lager Utting, ein Außenlager von Dachau. Die Gefangenen hungerten und viele verhungerten. Manchmal hätte man gerne die Kartoffeln geholt, mit denen die Schweine gefüttert wurden, doch wer das versuchte, der wurde umgebracht.

Schließlich, unmittelbar vor Kriegsende, musste Abba Naor, der inzwischen in Kaufering interniert war, auf den neuntägigen Todesmarsch Richtung Dachau. Und dann, es war am 2. Mai, wachte er morgens auf, und die Nazischergen waren weg. Die US-amerikanischen Besatzer waren da, und der Leidensweg unter den Nazis war zu Ende.

Aber Abba Naor, dem es fernliegt, allen Deutschen die Schuld an der Schoah zu geben, erinnert auch an gute und hilfsbereite Menschen während des Naziregimes. Etwa an Feldwebel Anton Schmid, der vielen Juden geholfen hat und dafür von den Nazis hingerichtet wurde. Oder auch die Leute, die bei den Todesmärschen am Rand standen und versuchten, den Häftlingen etwas zu essen zu geben. Sie wurden gnadenlos von den Aufsehern zurückgedrängt.

Den Glauben  allerdings hat Abba Naor verloren. Er habe keine Antwort bekommen, als er Gott nach der Schoah fragte. Aber er bewundert die Menschen, die trotzdem glauben. Gerade durch seine Offenheit und Echtheit beeindruckte Abba Naor und regte zur tieferen Besinnung über Leid und Schuld an.

Text und Bilder: Raymund Fobes