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Rückblick

27.04.2018

DBK-Pressesprecher Matthias Kopp über Not und Bedrängnis im Nahen Osten

Einige Zeit hat er in der syrischen Hauptstadt Damaskus gelebt – und darum ist es ihn für ihn „so schmerzhaft zu erleben, wie dieses Land sich auflöst.“ Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz und ausgewiesener Kenner des Nahen Ostens, führte in einem Vortrag bei der Katholischen Erwachsenenbildung die interessierte Hörerschaft in die von Krieg und Zerstörung erschütterte Welt jenseits des Mittelmeers.

DBK-Pressesprecher Kopp: Besonders christliche Hilfsorganisationen wie Caritas und Diakonie helfen im Nahen Osten (Bild: © Raymund Fobes)

Kopps Berichte fesselten die Zuhörer (Bild: © Raymund Fobes)

Der Vortrag war gut besucht. (Bild: © Raymund Fobes)

500 EUR an Spenden waren zusammengekommen (Bild: © Raymund Fobes)

DBK-Pressesprecher Matthias Kopp (3. v. re) gemeinsam mit (v. li) KEB-Geschäftsführer Rudi Schmidt, Dekanatsratsvorsitzender Marlies Müller und Stadtdekan Bernhard Oswald

Damaskus selbst indessen ist auch heute noch eine lebendige Stadt, machte der studierte Theologe und Archäologe deutlich. Doch dann zeigte er ein Bild mit einer verrotteten Türklingel an einem Haus in der Metropole. „Da wohnte eine befreundete Familie“, erklärt Kopp. Der Vater ist über Umwege nach Deutschland gekommen, eine Tochter war im Flüchtlingslager von Lambedusa und ist mit dem Schiff dann gegen Norden weitergefahren. „Wenn man Einzelschicksale betrachtet“, so Kopp, „so ist das doch etwas anderes, als wenn man über Flüchtlingszahlen spricht.“

Muslimischer Konflikt zwischen Sunna und Schia

Beides kam in seinem Vortrag vor: die Einzelschicksale wie die Statistiken. Schlussendlich war es aber gerade dieser Mix, der deutlich machte, dass die Situation im Nahen Osten zwar überaus ernst, aber doch nicht ganz hoffnungslos ist, auch und gerade, weil Christen als Hoffnungsträger mithelfen. Da wirken auch in Syrien die kirchlichen Hilfswerke aller Konfessionen, wie etwa die Caritas. Und – keine Frage – sie helfen natürlich allen Notleidenden, egal welchen Glaubens. Und sie helfen gut, sind besser organisiert als die muslimischen. Und ganz wichtig: Ihre Hilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe – das Ziel ist, dass die Menschen am Ende wieder selbst auf die Beine kommen.

Rund sieben Prozent Christen leben in Syrien. Hauptsächlich sind dort Muslime, zumeist Sunniten. Aber es gibt auch andere muslimische Gruppen wie die Schiiten oder die auch der Schia zugehörigen Alawiten. Der Konflikt im Nahen Osten, näherhin in Syrien, ist letztlich ein Konflikt unter eben jenen muslimischen Gruppen, machte Kopp deutlich.

Dieser sich immer mehr ausweitende Konflikt hat es nun mit sich gebracht, dass jeder zehnte Syrer als Flüchtling sein Land verlässt. Unzählige der Flüchtlinge sind in die Nachbarländer wie Jordanien und den Libanon geflohen – und dort befinden sich immer noch Flüchtlinge aus dem Irak, die mit dem Sturz von Saddam Hussein das Land verlassen haben. Im Libanon mit etwa sechs Millionen Einwohnern leben rund 1, 2 Millionen Flüchtlinge, es droht die Implosion im Land.

Israel ist sehr differenziert zu betrachten

Von Syrien lenkte Kopp den Blick nach Israel. Er lenkte den Blick auf den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis und warnte vor einer undifferenzierten Sichtweise. Beide Gesellschaften, die der Palästinenser wie die der Israelis, seien zerstritten. So gebe es das streng religiöse wie auch das rein säkulare Israel. Bei den Palästinensern machte Kopp drei Gruppierungen aus: die, denen es unter israelischer Herrschaft gut geht – sie leben zumeist in Nazareth –, dann die Palästinenser an der Westbank, die sich für den palästinensischen Staat einsetzen, aber gesprächsbereit sind, und schließlich die Angehörigen der Hamas, angesiedelt am Gazastreifen,  mit denen keine Gespräche möglich sind.

Christen indessen gibt es nur wenige – in Israel sind es 1, 9 Prozent, in Palästina sind es 1,7. Kopp berichtete von der Pfarrei in Gaza-City mit ganzen 138  Katholiken. „Und es werden immer weniger“, beklagt der lateinamerikanische Pfarrer Mario da Silva. Und die Vergeltungsschläge der Israelis gegenüber den Hamas hier sind, so verständlich der Wunsch ist, dass man sich wehrt, ganz und gar nicht angemessen – sie hinterlassen Schutt und Asche. Gleichzeitig engagieren sich gerade die wenigen Christen mit großem Einsatz im Gesundheitswesen.   

Not und Hilfe in den Flüchtlingslagern

Die nächste Etappe des virtuellen Rundgangs mit dem Referenten war Jordanien – drei Prozent Christen und 97 Prozent Muslime. Doch auch hier ist es der christlichen Caritas zu verdanken,  das Notleidenden strukturiert und organisiert geholfen wird – gerade im Flüchtlingslager Al-Zaatari. 140 000 Flüchtlinge sind da, Elend ist an der Tagesordnung. Nachts kommen Busse und sammeln Jugendliche ein und bringen sie als Kindersoldaten an die syrische Front. In Al-Zaatari hilft die Caritas nicht zuletzt auch traumatisierten Kindern. Und – das ist bemerkenswert – hier leben Muslime und Christen zusammen.

Von Jordanien führte der Referent die Zuhörer dann in den Irak, wo sich Kopp erst vor wenigen Wochen gemeinsam mit Erzbischof Ludwig Schick und weiteren kirchlichen Vertretern aufhielt – so in Bagdad, wo man zu jeder Minute mit einem tödlichen Überfall oder einer Entführung rechnen musste. Von dort ging es ins Flüchtlingslager Erbil im Nordirak. 20 000 Flüchtlinge leben hier, 50 Prozent Christen und 50 Prozent Muslime. Entsprechend entstanden dort auch eine Kirche und eine Moschee. Bei der Kirche steht die Nachbildung des Eiffelturms mit der Darstellung der Gottesmutter. Muslime haben dieses Gebäude errichtet, als Zeichen der Solidarität mit den Christen nach den Anschlägen von Paris vom November 2015.

Und zum Schluss ging es dann noch zu den Jesiden im Nordirak, ein Volk, das von Saddam Hussein völlig vernachlässigt worden war. Und dann kam der „Islamische Staat“ und mordete und vergewaltigte – zwölfjährige Kinder. Und auch hier hlift die Caritas beim Wiederaufbau.

Neben dem Engagement der Caritas würdigte Kopp immer auch den Einsatz von Papst Franziskus für den Nahostkonflikt. Der Vatikan wird sehr als Vermittler geschätzt – und er bemüht sich nach Kräften Sunniten und Schiiten ins Gespräch zu bringen.

Nach dem Vortrag waren viele nachdenklich geworden. Spontan entstand die Idee, für die Caritas zu spenden. Als Spendenkörbchen zauberte KEB-Geschäftsführer Rudi Schmidt eine Kuchenglocke hervor, die er zufällig dabei hatte. Und die war am Ende gut gefüllt. Die stolze Summe von 500 EUR war zusammengekommen.

Raymund Fobes