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Rückblick

29.11.2018

Antisemitismus ist ein hochaktuelles Problem – Jürgen Zarusky über ein besorgniserregendes Phänomen der Gegenwart

Nach wie vor ist die feindselige Haltung gegen Menschen jüdischen Glaubens oder auch semitischer Abstammung ein großes Problem. Antijudaismus und Antisemitismus sind nicht Geschichte, sie kommen auch in der Gegenwart immer wieder vor. Dies machte Jürgen Zarusky, Mitarbeiter beim „Institut für Zeitgeschichte“ in München und Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, die das Institut herausgibt, in einem Vortrag deutlich.

Jürgen Zarusky zeichnete ein bedenkliches Bild der Gegenwart. Antisemitismus und Antijudaismus sind immer noch sehr lebendig (Bild: Raymund Fobes)

Eingeladen hatten die Volkshochschule und die KEB Ingolstadt. Tatsächlich ist auch heute – wie Zarusky  zeigte – bedenklich oft von Angriffen gegen Juden und das Judentum zu hören : Da wird ein Israeli, der das Gebetskäppchen, die Kippa trägt, in Berlin tätlich angegriffen oder bei einer österreichischen Burschenschaft, der ein FPÖ-Mitglied angehört, findet sich antisemitisches Liedgut. Zudem sei auch immer noch das üble Gerücht von der jüdischen bolschewistischen Weltverschwörung gegen eine freie Welt sehr lebendig, obwohl es keinerlei Grundlage für dessen Richtigkeit gibt. Zudem zeigte der Referent, dass Antisemitismus nicht nur im Kreis von Rechtsradikalen zu finden ist. Ebenfalls ist er auch bei Vertretern der politischen Linken verankert oder des Islams.

Aber auch den Umgang mit einer Vergangenheit, in der Antijudaismus durchaus in der Gesellschaft legitimiert war, hält Zarusky mitunter für halbherzig. So findet sich immer noch auf vielen mittelalterlichen Kirchen die Darstellung einer „Judensau“, die die Juden verhöhnte. Man würde zwar heute zu diesen Figuren erklärende Kommentare schreiben. Zarusky wünschte sich aber, dass sie völlig aus den Kirchen verschwinden würden.

Auch auf den Fall des Lefebvre-Bischofs und Holocaustleugners Richard Williamson ging der Referent ein. Williamson hatte in einem Interview die Existenz von Gaskammern geleugnet, kurz bevor Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe aufgehoben hatte. In diesem Zusammenhang stellte Zarusky die Frage, wie es für einen Christen vertretbar sei, die heilige Edith Stein, die in einer der Gaskammern des Dritten Reiches umgekommen ist, als Märtyrin zu verehren, und gleichzeitig diese Gaskammern zu leugnen.

Schließlich ging der Referent auch auf die Frage nach dem Existenzrecht des Staates Israel ein, Kritik an Israel und seiner Politik sei, so Zarusky, selbstverständlich erlaubt, so lange sie fair betrieben werde. Allerdings warnte er, angelehnt an den israelischen Politiker Natan Scharanski, vor drei Haltungen: Dämonisierung– etwa wenn nationalsozialistische Symbole wie das Hakenkreuz oder Begriffe wie „KZ“ auf Israel werden und überhaupt die israelische Politik mit der der Nazis verglichen werde –, vor Doppelstandards – wenn für Israel andere und strengere Kriterien gelten als für andere Länder –, und schließlich die Delegitimierung des Staates, wenn also Israel rundweg das Existenzrecht abgesprochen würde. Tatsächlich brauche es den Staat Israel aufgrund des Schutzbedürfnisses der Juden, sodass es für verfolgte Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung einen sicheren Zufluchtsort gibt. Und dass diese Verfolgung auch heute noch längst nicht Geschichte ist, machte Zarusky augenfällig deutlich.

Text und Bilder © Raymund Fobes