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Rückblick

21.03.2019

Andreas Knapp über die Not der Christen in Nahost

Andreas Knapp gehört als Priester der Gemeinschaft der „kleinen Brüder vom Evangelium“ an und lebt in Leipzig. Dort lernte er Yussif kennen, einen christlichen Flüchtling aus dem Irak. Und über Yussif lernte er wiederum die Situation der Christen im Nahen Osten aus erster Hand kennen. Darüber berichtete Knapp im Eck-Saal des Ingolstädter Canisiuskonviktes auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung.

Andreas Knapp aprach über die Lage der Christen in Nahost (Bild: Raymund Fobes)

Der Referent machte anhand vieler Bilder deutlich, wie sich die Lage heute darstellt. Viele Kirchen wurden zerstört (Bild: Raymund Fobes)

Andreas Knapps Ausführungen fanden großes Interesse beim Publikum (Bild: Raymund Fobes)

Yussif war auf abenteuerliche Weise nach Deutschland gekommen. Mit seiner Familie lebte er in Mossul. Doch dort wurde die Lage immer bedrohlicher, nachdem der islamische Terror in der Stadt mehr und mehr Fuß fasste, Zunächst floh Yussif in eine weniger gefährlichen Gegend des Iraks, dann aber brachten ihn Schlepper für 17.000 US-Dollars, nachdem er ihnen seinen Pass und seine letzten Habseligkeiten geben musste, in einem LKW nach Deutschland. Kurz vor Chemnitz ließ man ihn aus seinem Versteck in dem Wagen und sagte ihm, hier würde er seinen Pass wieder bekommen. Doch darauf wartete er vergebens. So wandte er sich an die Polizei. Heute ist er als Asylant anerkannt, und auch seine engsten Familienangehörigen sind mittlerweile in Deutschland.

Es war mehrere Umstände, der zu der schlimmen Situation der Christen im Nahen Osten geführt hatte, machte Knapp deutlich. Weil im Islam Politik und Religion in einem untrennbaren Zusammenhang stehen, werde die westliche Welt mit dem Christentum identifiziert. Gerade deshalb würden Angriffe aus dem Westen den Christen auch in den islamischen Ländern angekreidet. Besonders unheilvoll habe sich der Anfang des Jahrtausend seitens der USA geführte Krieg gegen den Irak ausgewirkt, bei dem obendrein US-Präsident George W. Bush von einem „Kreuzzug“ gesprochen hatte. Letztlich – so Knapp – sei es jedoch  um die Ölvorkommnisse im Irak gegangen. Doch auch die Spitzel- und Polizeisysteme in den diktatorischen Regimes begünstigten den Islamismus, wenngleich in Irak und Syrien säkulare Diktator herrschten.

Die Terroristen des Islamischen Staates gingen nun zunächst so vor, dass sie die Christen auf eine Kopfsteuer verpflichteten. Ihr konnte man durch den Übertritt zum Islam entgehen – wie wohl das ohnehin der Weg war, von den Repressalien der Islamisten verschont zu bleiben. Yussifs Onkel indessen verweigerte die Kopfsteuer und wurde umgebracht. Ein gewaltsamer Tod kann überhaupt jedem Christen im Irak blühen, wenn er den Terroristen nur seinen Personalausweis vorzeigt, auf dem die christliche Religion verzeichnet ist. Wer dann nicht Muslim werden will, wird direkt niedergemetzelt.

So entschlossen sich viele zwangsläufig zu gehen. Denn wer Christ bleiben wollte, dem blieb entweder der Tod oder die Vertreibung.

Nicht alle kommen nach Europa, auch befinden sich Flüchtlinge in Lagern in der kurdischen Region im Irak. Hier wurden Kirchen gebaut, hier gibt es Schulen, und hier gehen die Christen auch einer Arbeit nach. Andreas Knapp war in einem dieser Lager und zeigte auf Bildern Gesichter von Menschen, die trotz schlimmer Erfahrungen auch Hoffnung haben.

Das Christentum im Nahen und Mittleren Osten scheint allerdings aufgrund dieser Entwicklung derzeit am Ende zu sein. Dabei kann es – so Knapp – auf eine lange Geschichte zurückblicken. Schon bald nach der Auferstehung Christi war der Apostel Thomas gegen Osten gezogen, um das Christentum zu verankern. Im damaligen Mesopotamien entstanden so christliche Gemeinde, aus ihnen entstand später die syrisch-orthodoxe Kirche, die in ihrer Blütezeit bis nach China reichte. Die syrisch-orthodoxen Christen übersetzten buddhistische Texte ins Chinesische und leisteten so auch einen Beitrag zur Ausbreitung des Buddhismus. Ebenfalls waren sie es, die die Texte der antiken griechischen Philosophen übersetzten, die später im Islam tradiert wurden und dann im Mittelalter wiederum durch Thomas von Aquin in der christlichen Theologie des Westens Eingang fanden.

Die Sprache der syrisch-orthodoxen Christen war ursprünglich aramäisch, also die Sprache, in der auch Jesus sich ausdrückte. Aramäisch wird auch in der Liturgie verwendet, und es gab schon in der frühen syrisch-orthodoxen Kirche liturgische Gesänge für Frauenchöre, wie Knapp bemerkte.

Abschließend nannte Knapp drei Haltungen, die ihn bei den Christen des Nahen Ostens besonders beeindruckt hätten. Zum einen ist das eine ökumenische Offenheit. Man sieht sich erst einmal als Christ und nicht konfessionsgebunden – denn Jesus war auch nicht speziell katholisch, evangelisch oder orthodox. Außerdem schätzte Knapp die Bereitschaft zum Dialog sehr, und schließlich die Treue zum Glauben und zur Tradition, die sich vor allem darin zeigt, dass die Christen trotz großer Bedrohungen und massiver Einschränkungen für ihr Leben dem Glauben nicht abschwören.

Text und Bilder: Raymund Fobes